Im März haben wir in den hessischen Kommunen unsere Vertreter in Stadt- und Gemeindeparlamenten und in den Ortsbeiräten gewählt.
Dort wird über unser Alltagsleben debattiert und über die Regeln abgestimmt: so z.B. wie wir wohnen, wie wird vor unserer Wohnung der Verkehr geregelt, wann dürfen wir wie laut Feste feiern, dass eine Feuerwehr funktioniert und vieles mehr. All das ist wichtig für die Frage, ob wir uns gut aufgehoben fühlen oder nicht. Hier liegen die Grundlagen und Wurzeln unserer Gemeinschaft und wie dafür die Regeln vor Ort zustande kommen. Deshalb ist es so wichtig, nicht nur wählen zu gehen und sich an der Diskussion darüber zu beteiligen, sondern sich auch wählen zu lassen und direkt mitzureden. Da wird man sicher auch mal überstimmt, weil vielleicht andere die besseren Argumente haben. Wichtig ist aber, dass man sich direkt beteiligt und seine Sichtweisen einbringt. Wie dies funktioniert, ist unter dem folgenden Link gut beschrieben.

Dass dies auch Spaß machen kann und soll, auch wenn es doch schon mal anstrengend ist, beschreibt Thomas Zarda, bekannt aus vielfachem Engagement und als Akteur in Idstein und als langjähriger Stadtverordnetenvorsteher, anschaulich in dem folgenden Blogbeitrag auf Wörsdorf.info und stellt überraschende Einsichten vor:
„Was der Heilige Vater mit Kommunalpolitik zu tun hat und die Sandkiste im Kindergarten mit Subsidiarität„
Peter Niere, Redakteur von Wörsdorf.info , hat mich gebeten, ein paar Gedanken aus der Sicht des Stadtverordnetenvorstehers aufzuschreiben, warum man sich an der Kommunalpolitik beteiligen sollte, vielleicht sogar Lust darauf zu machen, sich zu engagieren, ein Mandat zu übernehmen oder sich ganz allgemein für die Gemeinschaft einzusetzen und Zeit zu nehmen.
Das ist gar nicht so einfach – aus vielerlei Gründen. Wer hat denn schon Zeit übrig, zum Beispiel. Oder was soll man denn noch tun neben Beruf und Familie und vielleicht Straßekehren am Samstag.
Es gibt daneben – und aus meiner Sicht ist das für unser Gemeinwesen von Nachteil, ich finde sogar besorgniserregend – noch eine seit vielen Jahren und sich verstärkende Tendenz des Staates, immer mehr Aufgaben an sich zu ziehen. Stets natürlich mit dem Versprechen, diese auch gut zu erfüllen. Und im übrigen meistens gar nicht gegen den Willen seiner Staatsbürger.
An der eigenen Nase gefasst: ist doch prima, wenn ich nicht um beim Beispiel zu bleiben samstags die Gass´ selber kehren muss, sondern die Kehrmaschine kommt. Gilt fürs Schneeschippen genau so. Das lässt sich beliebig weiterspinnen.
Als unsere vier Kinder im katholischen Kindergarten in Idstein waren, haben sich die Väter (also einige jedenfalls) einmal im Jahr samstags getroffen und mit Schaufel, Schubkarre und Schweiß den Sand in der Sandkiste ausgewechselt. Anschließend gab es ein Bier (oder viele, glaube ich) und Weck und Worscht – die hatten die Mütter (einige jedenfalls) organisiert. Ergebnis war eine rechte Gaudi und wir haben ein paar Mark oder Euro gespart. Aber vor allen Dingen war uns klar: das ist unser Kindergarten. Der Sand tauscht sich nicht von alleine. Wenn die Fa. Stricker das gemacht hätte, wäre es schneller gegangen und schweißfrei und gekostet hätte es auch kein Hauseck. Aber ein bisschen schon und Kleinvieh macht auch Mist. Aber um den Spaß wären wir gekommen und der war es uns wert.
Aber wir haben uns angewöhnt, uns immer mehr vom Staat auf allen seinen Ebenen abnehmen zu lassen. Das Abnehmen der Arbeit ist aber zwangsläufig damit verbunden, dass uns dafür auch Geld abgenommen werden muss. Und abgenommen wird uns auch die Freiheit, zu entscheiden ob man diese Last überhaupt abgenommen bekommen möchte oder lieber selbst die Schippe in die Hand nimmt.
Das von mir als besorgniserregend Bezeichnete ist aber noch etwas anderes. Der Staat – die EU, der Bund, das Land – denken sich (oft mit Zustimmung jedenfalls einer Mehrheit der Bürger!) neue Aufgaben oder höhere oder meist und mehr Leistungen aus und vergißt, das Preisschild dranzuhängen. Kinderbetreuung – gratis. Sie ist aber nicht gratis, sondern wird über die Steuern einkassiert. Umsonst ist erst einmal gar nichts. Und wenn die Stadt den Sand schippt statt der Väter, dann steigt halt die Grundsteuer. Das merkt man nicht so sehr und es hat noch einen Effekt: wenn man schon bezahlt, dann soll aber bitte der Sand auch von Feinsten sein. Am besten aus der regionalen Sandgrube, fair getradet und biologisch-dynamisch-saisonal und bitte sofort oder besser vorgestern.
Es ist aber wie es ist und der wirkliche Gestaltungsspielraum, den wir haben, wird – ich wiederhole: oft mit unserem stillschweigenden, ausgesprochenen oder unbewussten Einverständnis! – immer enger.
Jetzt könnte ich aufhören und habe Ihnen den Spaß an jeglicher Beteiligung vor Ort, in der Gemeinde, im Verein egal wo vermiest.
Will ich aber gar nicht.
Weil ich fest davon überzeugt bin, dass wir immer öfter fragen sollten: muss das, was ich gerne hätte jemand anderes machen und sei es der Staat oder ist das mir so wichtig, dass ich selbst Hand anlege und wieviel bin ich bereit dafür auszugeben.
Der Papst hat dieser Tage eine Enzyklika geschrieben. Und ich empfehle sehr, einmal darin zu blättern. Dafür brauchen Sie kein Latein, die gibt es auch auf deutsch.
Da schreibt der Heilige Vater genau das, auf was ich hinauswill:
„An dieser Stelle schleicht sich jedoch eine subtile Versuchung ein: zu denken, dass die Probleme zu groß und wir zu klein sind und dass unsere Entscheidungen daher nichts ändern werden. Es ist eine elegante Form der Kapitulation, die oft als Realismus getarnt ist. Sicherlich haben nicht alle den gleichen Einfluss auf die Wirklichkeit: Es gibt jene, die regieren, die über Investitionen entscheiden, die Institutionen leiten, jene, die forschen, die erziehen, die informieren, die produzieren; und es gibt jene, die anscheinend bloß ihr tägliches Leben führen. Doch niemand ist ohne Verantwortung. Alle verfügen über einen eigenen Handlungsbereich, und genau dort – nirgendwo anders – sind wir aufgerufen (ich fasse das mit meinen Worten zusammen), uns jeder nach seinen Kräften und dort, wo er im Leben steht, einzusetzen.
Ich denke das lohnt unter ganz vielen Gesichtspunkten:
- Wenn ich nicht nur und über Steuern sogar nur indirekt bezahle und Leistungen „einkaufe“ sondern mich ganz konkret selbst kümmere, überlege ich sorgsamer, was nötig, was wünschenswert und was überflüssig ist
- Wenn ich eigenen Schweiß (Zeit, Geld etc.) aufwende, bin ich am Ergebnis interessierter und daran, dass das auch in Zukunft erhalten und gepflegt und sorgsam behandelt wird
- Wenn ich selbst mitentscheiden kann und auch weiß, wie Entscheidungen zustande kommen, dann lehrt die Erfahrung, dass man solche Entscheidungen auch trägt und nicht nur erträgt
- Es ist eigentlich einer Demokratie angemessen, wenn ihre Bürger nicht nur alle 5 Jahre wählen gehen, sondern sich dauernd für das Gemeinwesen einsetzen.
- Und ganz zum Schluß: die Gaudi, das Bier und der Ring Fleischwurst nach dem Sandschippen lohnt sich auch fürs Gemüt. Das gilt für alles, was man tut im Leben. Und auch für die Beteiligung am Gemeinwesen, in der Kommunalpolitik, bei der Feuerwehr, im Verein.
Und da sollten wir uns gegen die „subtile Versuchung“ (Papst Leo) wehren, es habe ja doch keinen Sinn. Die Probleme sind zu groß und zu schwer, als dass wir sie lösen könnten. Mühsam und zeitraubend, oft enttäuschend – ganz gewiß. Aber unverzichtbar und sehr oft auch erfüllend.
In Gelehrtensprache ist das ein Stück Subsidiarität. Oder Selbstbestimmung. Oder ganz einfach Freiheit.
Ich würde mich freuen, wenn ich die eine oder den anderen beim sozusagen „kommunalpolitischen Sandschippen“ treffen könnte – und anschließend zur Wurstsemmel und einer Flasche Bier.
Thomas Zarda, Stadtverordnetenvorsteher der Idsteiner Stadtverordnetenversammlung, 23. Juli 2026
