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Dorfmitte für Wörsdorf – ja oder nein?

Wörsdorf ist zwar der größte Stadtteil Idsteins, ist aber doch auch irgendwie Dorf geblieben, auf eine sympathische Weise, die historischen Wurzeln sind immer noch erkennbar und prägend. Gleichzeitig aber ist auch Wörsdorf an den Rändern wie alle anderen auch gewachsen, während sich der stark landwirtschaftlich geprägte Ortskern mit seinen vielen Scheune, Gehöften, Stallungen in den Innenbereichen wandelt, teilweise mindergenutzt ist oder verfällt. Wörsdorf leidet stark unter erheblichen Durchgangsverkehr – ca. 14000 KFZ durchfahren den Ort täglich. 

Auch wenn Wörsdorf  –  wenn auch im Namen seit jeher so bezeichnet –  eigentlich kein Dorf mehr sein will, sondern vom einen oder anderen als größter Stadteil Idsteins mit ca. 3700 Einwohnern eher als bereits größere Gemeinde, ist es legitim und aus meiner Sicht richtig, über das Vorhandensein oder die Notwendigkeit einer Dorfmitte nachzudenken. Dies schon alleine vor dem  Hintergrund einer mehr als 1180-jährigen eigenständigen Historie seit seiner erstmaligen urkundlichen Erwähnung 790 bis zur Eingemeindung nach Idstein 1971.

Zweifellos war in dieser langen Geschichte, die meiste Zeit davon ohne Radio, Internet und Smartphone ein Mittelpunkt in einer Gemeinde, einem Dorf oder Stadt als Zentrum des örtlichen Lebens unverzichtbar. Dort wurden die Edikte und Vorschriften der Obrigkeit bekannt gemacht. Dort war Markt, man traf sich in der Kirche. Dort war letztlich auch Gerichtstag mit allen seinen Konsequenzen und Hinrichtungen.

Der Nutzen der Dorfmitte

Stadt- und Gemeindeplanerjedenfalls glauben, dass ein solcher Mittelpunkt wichtig ist und gefördert werden sollte. So sagt der Leitfaden zur Dorfentwicklung in Hessen:

„Funktionell und gestalterisch intakte Ortskerne sind für Bewohner und Bewohnerinnen und für die Identität der Orte vor großer Bedeutung. Sie sind Träger der Geschichte, Identifikationsgegenstand, ein Ensemble regionaler Baukultur und auf kurzem Wege erreichbar.“ (Hrsg. Hessisches Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Nov. 2019, Abschnitt 3.3.4. S. 20)

Das Internet ist voll von Aktionen und Fördermaßnahmen zur Gestaltung einer „Dorfmitte“, als sei dies auch heute noch in Zeiten jederzeit zur Verfügung stehender Informationsflut per se wichtig.  So schreibt das Bayrische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten:

Dörfer sind das Herz des ländlichen Raums.  Unsere Dörfer mit ihren lebendigen Ortsmitten sind das Herz und Gesicht des ländlichen Raums. Doch durch den Wunsch nach modernem Wohnraum und rationellen Wirtschaftsbedingungen entwickeln sich viele Dörfer nur noch im Außenbereich. Zudem bedingt der sehr starke demografische Wandel im ländlichen Raum immer häufiger Gebäudeleerstände. Oft werden darüber hinaus auch Versorgungs- und Infrastruktureinrichtungen aufgegeben. Dennoch werden weiterhin neue Bau- und Gewerbegebiete an den Ortsrändern ausgewiesen – mit hohem Verbrauch wertvoller Flächen“. (Quelle)

Dorfmitte soll also nach wie vor Kommunikationszentrum sein, Treffpunkt für die Jugend (Thema Dorflinde), Dorfbrunnen, Gasthof. Dort werden Feste gefeiert, ist der Dorfladen oder der Infopunkt für Suchende zu finden.

Situation in Wörsdorf

Wenn man unter diesen Rahmenbedingungen in Wörsdorf eine Ortsmitte haben oder gestalten will, gibt es im Grunde zwei Möglichkeiten.

„Geborener Standort“  wäre der Bereich zwischen Lukaskirche und Feuerwehr. Ansätze sind vorhanden durch die Infotafeln der Gemeinde und der örtlichen Parteien und der Stadtplan und schließlich der zentrale Standort der Lukaskirche.  Aber die hoch frequentierte enge Hauptstraße an dieser Stelle, der stark genutzte und auch gefährliche Bushaltepunkt, der frei zu haltende Feuerwehrstützpunkt und fehlende Haltemöglichkeiten für KFZ und der begrenzte  Freiraum  machen jede Aufenthaltsqualität  und -Möglichkeit zunichte. Dass das Dunkerfest vor langer Zeit schon von dieser Stelle verlegt werden musste, belegt dies.

Bild: PN

Ein Hoffnungsschimmer bedeutet die vage Aussicht auf eine Verlegung der Feuerwehr an dieser Stelle, das würde Freiräume und Möglichkeiten schaffen, dürfte aber letztlich auch eine finanzielle Frage sein, denn die Feuerwehrverlegung muss ja bezahlt werden. Jedenfalls würden sich intensive Überlegungen lohnen,  vielleicht lässt sich ja zu gegebener Zeit die Stadt als planende Stelle zu einem regionalen städtebaulichen Wettbewerb an dieser Stelle unter breiter Beteiligung der Wörsdorfer Bürger bewegen – auch um die Frage zu klären, ob es noch Bedarf für ein solches Zentrum gibt oder ob man sich mit Wohnungen und Büros begnügen kann.

Bild: PN

Oder könnte sich nicht als zweite Möglichkeit der Wilhelm Scherer Platz zu einem Dorfmittelpunkt entwickeln lassen? Dorfgemeinschaftshaus und Turnhalle sind schon mal eine Basis. Das Dunkerfest an dieser Stelle belegt, dass man dort Feste feiern kann – aber es fehlt natürlich die „historische“ Grundlage. Und es braucht als Ankerpunkt vielleicht doch noch ein wenig mehr als die dort installierte „Dorflinde“. Hier wären dann Phantasie und gute Ideen gefragt. Und die aktuelle Hauptfunktion als Parkplatz müsste weichen, aber wohin?

Bild PN

Oder gibt es noch einen dritten Weg? Ist die Zeit über das klassische Konzept „Dorfmitte“ hinweggegangen? Man könnte sich mit städtebaulichen und gestalterischen Optimierungen des heutigen Zustands  an beiden Standorten. begnügen – was spricht gegen eine „digitale“ oder „virtuelle“ Dorfmitte? Dann allerdings bedürfte es einer attraktiven Plattform im Netz. Wer nähme sich eines solchen Vorhabens an?

Wörsdorfpitt

30.10.2020

2 Antworten auf „Dorfmitte für Wörsdorf – ja oder nein?“

Hallo Herr Niere, ich bin durch den Artikel in der Idsteiner Zeitung auf Ihren Blog gekommen und finde es toll, dass Sie die Idee dazu hatten.
Zum Thema Dorfmittelpunkt möchte ich mich kurz äußern:
Ich finde es sehr wichtig, dass es auch in der heutigen Zeit in den Dörfern einen Platz als Treffpunkt gibt. Dass es angenommen wird, sieht man sehr gut in den kleinen umliegenden Gemeinden. Hier wurde schon vor längerer Zeit dafür gesorgt, dass es solche Treffpunkte gibt, sei es mit ein paar einladenden Bänken und Bäumen oder auch mit kleinen Weinständen, die von den Vereinen in wöchentlichem Wechsel betrieben werden. Ich denke, Wörsdorf würde ein solch zentraler Punkt, egal wo er auch sein wird, sehr gut tun. Mein Favorit wäre natürlich der Platz vor dem alten Rathaus bzw. der Feuerwehr mit Blick auf die Kirche und die schön sanierte Blinde Gasse. Ich wünsche Ihnen viele interessierte Mitbürger und viel Erfolg bei Ihrer Arbeit im Ortsbeirat.

Hallo Frau Ems,
Sie haben mit Ihrem Ansatz recht, hoffen wir mal, dass wenn irgendwann in nicht allzu ferner Zeit die Feuerwehr ihren neuen Stützpunkt bekommt, sich Spielräume für eine gute städtebauliche Lösung ergeben, die nicht nur ökonomisch bewertet sondern sondern auch für diese Frage Lösungen und Angebote haben; darauf sollten dann die Kommunalpolitik und alle Bürger achten.

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